Autofiktion: Was der Begriff bedeutet und woran Sie sie erkennen
Christian ArndtShare
Autofiktion bezeichnet Literatur, in der Autorinnen und Autoren vom eigenen Leben erzählen und dieses Leben zugleich gestalten, verdichten und erfinden. Der Text trägt autobiografische Spuren, gibt sich aber nicht als Tatsachenbericht aus. Wer versteht, wie dieses Doppelspiel funktioniert, liest solche Bücher genauer.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Begriff geht auf den französischen Autor und Literaturwissenschaftler Serge Doubrovsky zurück, der ihn 1977 für seinen Roman Fils prägte.
- Autofiktion steht zwischen Autobiografie und Roman: Sie nimmt Material aus dem eigenen Leben und behandelt es mit den Mitteln der Fiktion.
- Erkennen lässt sie sich vor allem an der Gattungsangabe des Buches und an der Nähe zwischen Autorname und Erzählstimme.
- Seit dem Erfolg von Autorinnen und Autoren wie Annie Ernaux und Karl Ove Knausgård gehört autofiktionales Schreiben zu den prägenden Strömungen der Gegenwartsliteratur.
- Wo reale Personen im Text erkennbar werden, kann ihr Persönlichkeitsrecht der Kunstfreiheit Grenzen setzen.
Woher der Begriff Autofiktion stammt
Serge Doubrovsky veröffentlichte 1977 seinen Roman Fils und beschrieb ihn als „fiction, d'événements et de faits strictement réels“ – als Fiktion aus streng realen Ereignissen und Tatsachen. Diese Formel wirkt wie ein Widerspruch, und genau das ist gewollt.
Doubrovsky suchte einen Namen für Texte, die weder als Autobiografie noch als Roman aufgehen. Er fand ihn im Kunstwort Autofiktion. Der Begriff wanderte aus der französischen Literaturwissenschaft in die deutschsprachige Forschung und von dort in die Feuilletons.
Bis heute gibt es keine allgemein anerkannte Definition. Wer den Begriff benutzt, meint nicht immer dasselbe. Für Leserinnen und Leser ist das weniger ein Problem als ein Hinweis: Autofiktion beschreibt eher eine Schreibhaltung als eine feste Gattung.
Autofiktion und Autobiografie: Wo der Unterschied liegt
Der Literaturwissenschaftler Philippe Lejeune beschrieb 1975 in Der autobiographische Pakt, was eine Autobiografie ausmacht: Autor, Erzähler und Hauptfigur sind dieselbe Person, und der Autorname auf dem Umschlag bürgt dafür. Lejeune nennt das einen Pakt, weil es eine Abmachung zwischen Buch und Publikum ist. Die Autobiografie verspricht, vom tatsächlichen Leben zu berichten.
Der Roman schließt den gegenteiligen Pakt: Was hier steht, ist erfunden, auch wenn es an Erlebtes erinnert. Beide Verträge sind klar – und beide sind einlösbar.
Autofiktion bietet nun beides zugleich an. Sie stellt eine Erzählfigur auf, die dem Autor auffällig gleicht, und behält sich trotzdem vor, zu erfinden, umzustellen und zu verdichten. Der Text sagt gewissermaßen: Das bin ich – und zugleich: Glauben Sie mir nicht jedes Wort.
Der Unterschied liegt also nicht im Stoff, sondern im Versprechen. Eine Autobiografie, die Szenen erfindet, bricht ihren Pakt. Eine Autofiktion, die dasselbe tut, erfüllt ihren. Die folgende Übersicht stellt die drei Formen gegenüber:
| Autobiografie | Roman | Autofiktion | |
|---|---|---|---|
| Versprechen an das Publikum | Bericht über das tatsächliche Leben | erfundene Handlung | beides zugleich |
| Verhältnis Autor und Hauptfigur | identisch | getrennt | absichtlich unscharf |
| Erfundene Szenen | brechen das Versprechen | sind selbstverständlich | sind ausdrücklich erlaubt |
| Typische Ordnung | chronologisch | nach Handlungslogik | sprunghaft und thematisch |
Fünf Merkmale, an denen Sie Autofiktion erkennen
- Die Gattungsangabe. Steht „Roman“ auf einem Buch, das offensichtlich vom Leben des Autors handelt, ist das ein starkes Signal.
- Die Namen. Die Hauptfigur trägt den Namen des Autors, eine Variante davon oder bleibt auffällig namenlos.
- Das erzählende Ich. Die Erzählstimme spricht in der ersten Person und meint sich selbst, ohne sich als Zeugin zu verbürgen.
- Die Lücken. Der Text springt, lässt aus und ordnet nicht chronologisch. Autobiografien erzählen meist der Reihe nach.
- Die Zweifel im Text. Autofiktionale Bücher sprechen oft selbst darüber, dass Erinnerung unzuverlässig ist.
Keines dieser Merkmale genügt allein. Erst im Zusammenspiel ergeben sie ein Bild.
Warum autofiktionales Schreiben gerade Konjunktur hat
Nach dem Erfolg von Annie Ernaux und Karl Ove Knausgård ist Autofiktion zu einer der sichtbarsten Strömungen der Gegenwartsliteratur geworden. In der deutschsprachigen Literatur finden sich autofiktionale Verfahren unter anderem bei Thomas Glavinic, dessen Roman Das bin doch ich 2007 erschien, und bei Felicitas Hoppe, deren Buch Hoppe 2012 herauskam.
Ein Grund für die Konjunktur: Nach Jahrzehnten literaturtheoretischer Skepsis gegenüber dem Autor darf ein Autor wieder „ich“ sagen und sich dabei auch meinen. Ein zweiter Grund liegt beim Publikum. Erfahrungsberichte wirken glaubwürdig, literarische Form macht sie lesbar. Autofiktion verbindet beides.
Dass Bücher heute auch über die Person ihrer Verfasserinnen und Verfasser vermarktet werden, verstärkt den Trend zusätzlich. Kritikerinnen und Kritiker halten dem entgegen, dass sich damit Neugier auf ein Leben verkaufen lässt, ohne dass ein Buch literarisch etwas wagen müsste.
Wo Autofiktion an rechtliche Grenzen stößt
Wer vom eigenen Leben erzählt, erzählt fast immer auch von anderen. Deutsche Gerichte gehen zunächst davon aus, dass literarische Figuren erfunden sind. Diese Vermutung trägt aber nicht unbegrenzt.
Im Streit um Maxim Billers Roman Esra wies das Bundesverfassungsgericht 2007 die Verfassungsbeschwerde gegen ein Verbreitungsverbot zurück (Beschluss vom 13. Juni 2007, 1 BvR 1783/05). Die Figur war der realen Vorlage so ähnlich, dass Leserinnen und Leser die Person erkennen konnten, und der Roman schilderte ihre Intimsphäre. Die Kunstfreiheit musste hier zurücktreten.
Für die Lektüre heißt das: Der Zwiespalt, den Autofiktion literarisch ausnutzt, ist kein bloßes Spiel. Er betrifft Menschen, die nicht gefragt wurden.
So lesen Sie einen autofiktionalen Text
Eine kleine Leseroutine hilft, solche Bücher einzuordnen, ohne sie ständig auf Wahrheitsgehalt abzuklopfen:
- Prüfen Sie zuerst Umschlag und Titelei: Welche Gattung ist angegeben, welcher Name steht dort?
- Achten Sie im ersten Kapitel darauf, wer spricht und wie nah diese Stimme dem Autornamen kommt.
- Notieren Sie Stellen, an denen der Text selbst an seiner Erinnerung zweifelt. Sie sind meist die aufschlussreichsten.
- Fragen Sie nicht „Ist das passiert?“, sondern „Warum wird es so erzählt?“.
- Lesen Sie am Ende das Nachwort oder die Danksagung. Dort erklären Autorinnen und Autoren oft, wie sie mit realen Vorlagen umgegangen sind.
Ein gut greifbares Beispiel für diese Leseweise ist Hinter verschlossenen Türen: Psychiater Erzählungen von Drs. Dolf Hage. Das Buch erzählt in autofiktionaler Form psychiatrische Fälle aus der Perspektive eines Psychiaters. Seine zwölf Kapitel sind nicht chronologisch geordnet, sondern über innere Zusammenhänge verbunden – genau jene Form, an der sich autofiktionales Erzählen gut beobachten lässt.
Häufige Fragen
Ist Autofiktion dasselbe wie ein autobiografischer Roman?
Nicht ganz. Ein autobiografischer Roman verarbeitet Erlebtes, hält die Figur aber vom Autor getrennt. Autofiktion rückt beide bewusst zusammen und lässt offen, wo die Grenze verläuft.
Muss in Autofiktion alles wahr sein?
Nein. Autofiktion verspricht keine Faktentreue. Sie verspricht, dass das Erzählte mit dem Leben der schreibenden Person zu tun hat.
Woran erkenne ich, dass ein Buch keine Autofiktion ist?
Wenn die Hauptfigur erkennbar erfunden ist und der Text keinen Bezug zur Biografie der Verfasserin oder des Verfassers herstellt. Ein Berufsroman etwa, der Fachwissen nutzt, aber eine frei erfundene Hauptfigur führt, ist keine Autofiktion – so wie der Thriller Algorithmus des Grauens, der einen fiktiven Berliner SEO-Berater ins Zentrum stellt.
Ist Autofiktion eine neue Erscheinung?
Der Begriff stammt aus dem Jahr 1977, das Verfahren ist älter. Neu ist vor allem, wie selbstverständlich die Gegenwartsliteratur damit arbeitet.
Wo finde ich verlässliche Einführungen zum Thema?
Die germanistische Forschung hat den Begriff gut aufgearbeitet. Einen Überblick geben die unten verlinkten Quellen.
Quellen
- Martina Wagner-Egelhaaf: Sich selbst erzählen. Autobiographie – Autofiktion (Universität Münster)
- Universität Münster: Handbook of Autobiography/Autofiction
- Universität Halle-Wittenberg: Zwischen autobiographischem Stil und Autofiktion
- Zwischen Kunst und Kommerz: Autofiktion in der Gegenwartsliteratur (Deutsche Nationalbibliothek)
- Bundesverfassungsgericht, Beschluss vom 13. Juni 2007 – 1 BvR 1783/05
- Bundesverfassungsgericht: Schutz der Intimsphäre setzt der Kunstfreiheit Grenzen (Pressemitteilung)
Wenn Sie Autofiktion nicht nur verstehen, sondern lesen möchten, ist Hinter verschlossenen Türen: Psychiater Erzählungen ein kompakter Einstieg: 105 Seiten, zwölf Kapitel, erzählt aus der Perspektive eines Psychiaters. Das Buch verzichtet bewusst auf einfache Lösungen und zeigt stattdessen, wie viel ein genaues Zuhören sichtbar macht.